Jeder kennt sie, jeder hat bereits an ihr gelitten: die Regelungswut der Behörden. Mit etwas Hartnäckigkeit und gutem Willen wird der Kampf gegen den behördlichen Unsinn aber auch preiswürdig. Wie bei Günther Jauch, der am Dienstag 100 000 Euro für seine Mühen erhalten hat. Begründung aus der Jury des »Werner-Bonhoff-Preises wider den Paragraphen-Dschungel«: Mit seiner öffentlichen Kritik an der willkürlichen Verwaltungspraxis der Potsdamer Bauverwaltung habe Jauch einen «Dienst an der Allgemeinheit» geleistet.
Seit 1998 steckt der Moderator einen Teil seines Vermögens in die Sanierung historischer Bauwerke in seiner Wahlheimat Potsdam. Das erfordert den regelmäßigen Dialog mit der örtlichen Denkmalbehörde. Der gestaltete sich mitunter schleppend. Ein Beispiel: Um ein Objekt gegen Einbrecher zu sichern, bat Jauch das Amt um Einwilligung in den Einbau von Querstreben, die vor den Kellerfenstern eingesetzt werden sollten.
Das Amt pochte darauf, dass sich die ästhetische Anmutung der Schutzvorrichtung bruchlos in die Bauweise des historischen Objekts einfügen müsse. Daher seien einzig gusseiserne, neunfach geschwungene Streben zulässig. Jauchs Einwand, der Hersteller führe nur noch das siebenfach geschwungene Modell, wurde entgegnet, er möge das Gewünschte von einem Kunstschmied handfertigen lassen. Dass dadurch Mehrkosten von 30 000 Euro entstünden, ließ den Sachbearbeiter unbeeindruckt.
»An den Gutwilligen, bei denen man seit Jahren sieht, dass sie etwas für das Stadtbild tun«, versuche man immer wieder, »sein Mütchen zu kühlen und sie streckenweise zu schikanieren«, klagte Jauch im vergangenen Jahr in einem Zeitungsinterview. Zu dieser Zeit zog sein Bemühen um die Aufwertung des Potsdamer Stadtbildes Interesse auf sich, weil er kurz zuvor mit der «Schinkelmedaille» für vorbildliche Denkmalsanierung ausgezeichnet worden war. Jetzt nahm auch der Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jakobs den Unmut des TV-Stars ernst und zog externe Gutachter zur Bewertung der behördlichen Verwaltungspraxis zu Rate.
«Ein ungewöhnlicher Schritt», lobt Jauch, der sich mittlerweile versöhnlicher gibt: Besonders im Ton der Verwaltungsbeamten habe sich mittlerweile «einiges geändert». «Mittlerweile wird da auf Augenhöhe miteinander gesprochen.» Man gebe sich vorsichtiger und kompromissbereiter. Die Jury führt die atmosphärische Verbesserung auf Jauchs profunde Kritik zurück. Jauchs Fall beweise, dass man sich konkret einmischen müsse «und nicht darauf warten, dass andere einem das abnehmen», sagte Till Bartelt, Vorstand der Werner-Bonhoff-Stiftung.
Der Werner-Bonhoff-Preis, der in diesem Jahr zum dritten Mal verliehen wird, ist Teil des Forschungsprojektes «Unternehmer vor bürokratischen Hürden», das in Kooperation mit der Berliner Humboldt-Universität (HU) den deutschen «Bürokratismus» erforscht. Gunnar Folke Schuppert von der HU, einer der Projektleiter, sieht die Lösung weniger in einem Abbau der Paragraphen als einer grundsätzlichen Veränderung der Verwaltungskultur. «Immer wollen alle das bürokratische Monster zur Strecke bringen», sagt er. Dabei gehe es oft nur um die Frage, ob die Paragraphen überhaupt dem Problem gemäß angewandt werden.
Das Preisgeld will Jauch an verschiedene soziale Projekte und Bildungsinrichtungen in Potsdam weiterreichen: An den gemeinnützigen Verein »Exploratorium«, der Kinder an die Naturwissenschaften heranführt, an die Katholische Marienschule und an den Verein «Arche», der gegen Kinderarmut vorgeht. Sein Engagement in der Stadtsanierung wird Jauch vorerst nicht fortsetzen.
Quelle: ddp.djn/abr/mbr